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Seit je hält man Geschichte der Städte, Länder und Regionen fest und schreibt Chroniken. Die der Stadt Allenstein begann als erster Andreas Petrus Grunenberg 1802 zu schreiben. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte erhielt die nordostpolnische Stadt Olsztyn, wie Allenstein inzwischen heißt, einen Stadtschreiber. Der in Irland lebende Deutsche, Marcel Krueger, wird noch bis September auf seinem Blog über Olsztyn schreiben. Aber er hat noch mehr vor.

 

Arkadiusz Łuba: Ein Stadtschreiber von Allenstein/Olsztyn, ein Stipendium des Deutschen Kulturforums östliches Europa. Wa­rum haben Sie sich um diese Stelle beworben?

Marcel Krueger: Ich habe Familienbezug zu Allenstein/Olsz­tyn und ich wollte den weiter ausarbeiten. Meine Oma ist von hier und vor zwei Jahren ist über sie mein Buch auf Englisch erschienen, „Babushka‘s Journey“. Dieses Jahr ist das Buch in deutscher Übersetzung als „Von Ostpreußen in den Gulag“ er­schienen. Meine Großmutter kommt aus Łęgajny, was hier um die Ecke liegt, sieben oder acht Kilometer von Olsztyn entfernt; und sie ist von der Roten Armee 1945 mitgenommen worden und war vier Jahre in der Sowjetunion in einem Arbeitslager. Sie ist leider 2009 gestorben und ich bin ihrer Geschichte nachgefahren. Also ich bin zuerst hier zum allerersten Mal nach Olsztyn gekom­men und bin dann von hier mit dem Zug in den Ural nach Jekate­rinburg und habe dann ein Buch darüber geschrieben. Das heißt, ich hatte schon diese Verbindung und hab dann die Ausschreibung für das Stipendium gesehen und ich hatte schon das nächste Buch geplant, das von meinem Großonkel also dem Bruder meiner Oma handelt. Nach meinem Wissensstand dachte ich immer, ich kom­me aus einer deutschen Familie, aber mein Großonkel, der hat für Polen vor dem zweiten Weltkrieg die Wehrmacht ausspioniert, er war Spion für Polen. und er ist 1942 von den Nazis im Gefängnis in Brandenburg hingerichtet worden. Und das war dann sozusagen das nächste Buch, was ich dem Deutschen Kulturforum östliches Europa vorgeschlagen habe, was ich dann während meiner Zeit hier in Olsztyn schreiben und an dem ich recherchieren werde.

 

Sie haben also ein konkretes Projekt während des Stipendiums vor: eben die Recherche für das Familienbuch. Aber wussten Sie auch, was Sie hier erwartet? Inwieweit wurden Ihre Erwartun­gen dann getroffen oder nicht getroffen?

Die wurden sogar übertroffen! Ich wusste halt, dass Teil von dem Stipendium ein Engagement in der Kulturarbeit vor Ort ist. Und einer meiner Träger ist die Kulturgemeinschaft „Borussia“, die ich schon von vorher kannte, von der Recherche, die ich für das Buch über meine Großmutter gemacht habe. Aber dass ich so herzlich hier willkommen geheißen werde, inclusive Pressekonferenz, und dass jegliche Institutionen, sowohl die Stadt- als auch die Woi­wodschaftsbibliothek, die Philharmonie, dass sie alle an mir und meiner Arbeit sehr interessiert sind und mich einladen, das alles habe ich so nicht erwartet. Also jeder ist daran interessiert, mir seinen Teil der Kulturarbeit in Olsztyn zu zeigen. Ich war einfach überrascht, wie viele Menschen sich für so einen Stadtschreiber interessieren. Ich dachte, ich müsste mir mehr erarbeiten, mehr auf Leute zugehen, mehr recherchieren, aber die kommen alle von sel­ber, also das klappt sehr gut bis jetzt.

 

Sie haben schließlich auch eine wichtige Funktion inne und das ist auch eine hervorragende Werbung für die Stadt. Wobei: Olsz­tyn liegt gerade nicht so zentral in Europa. Sie leben in Irland und in Köln. Gibt es dort – in der weiten, großen Welt – Interesse an dem kleinen Städtchen in Nordostpolen?

Ich empfinde Olsztyn gar nicht als kleines, weltfernes Städtchen. Ich finde es eigentlich sehr urban und sehr modern. Das ist jetzt insgesamt das vierte Mal als ich hier bin. Das erste Mal war ich vor jetzt acht Jahren da gewesen und selbst in der Zeit sieht man schon, wie viel sich hier verändert hat, nicht nur baulich. Ich habe jetzt nicht das Gefühl, von der Mitte Europas in den wilden Osten gekommen zu sein. Also ich finde Olsztyn eine nette lebenswerte Stadt. Natürlich ist es hier eine andere Struktur als beispielsweise in Berlin oder Köln, aber dort, wo ich in Irland wohne, in Dundalk, sind wir auch die Hauptstadt von unserer Grafschaft und dort sind die Strukturen ähnlich. Alle Kultur ist in Dundalk zentriert, genau­so, wie es in Olsztyn der Fall ist. Da bin ich eigentlich überrascht, wie leicht es für mich zugänglich ist, hier Recherche zu betreiben, die entsprechenden Institutionen zu finden usw. Deswegen das war jetzt nicht, dass ich das Gefühl hatte, ich muss auf irgendetwas verzichten. Es gibt hier Strukturen, die es in Deutschland, in Irland gibt, wird’s hier nicht geben, also das ist überhaupt nicht der Fall.

 

In Augen meiner Freunde ist Olsztyn schon eine kulturelle und infrastrukturelle Provinz. Dieses Image hat die Stadt auch in Polen. Die Vorsitzende der schon erwähnten Kulturgemeinsch­ft „Borussia“, Kornelia Kurowska, erhoffte sich bei der auch schon erwähnten Pressekonferenz zu Ihrem Amtsantritt, dass Sie ihr ihre Stadt aus einer neuen Perspektive zeigen würden. Das ist einfach – Sie sind ja schließlich neu hier. Ein Monat von Ihrem fünfmonatigen Aufenthalt ist zu Ende gegangen: Was und wie wollen Sie von dieser Stadt zeigen, haben Sie schon welche Ideen?

Ich habe so zwei Bereiche, die mich generell interessieren: Es ist natürlich einmal Geschichte; das heißt, ich hab halt eh schon den familiären Bezug, aber das bedeutet ja nicht für mich, dass ich ir­gendeinen emotionalen Bezug zu Olsztyn habe; einfach dadurch weil ich auch im Ausland wohne. Das heißt, jedes Mal wenn ich hierhin komme, ist es auch für mich alles neu. Zum Beispiel auch die Geschichte über meinen Großonkel. Die habe ich erst bei der Recherche über meine Großmutter herausgefunden. Das heißt, ich finde immer noch neue Sachen, wo ich halt ein Familienbezug zu Allenstein/Olsztyn und der Gegend hier habe. All das finde ich sehr, sehr spannend und das will ich halt auch genauso dann in dem Blog mitteilen, also dass Leute sozusagen an meiner eigenen Spurensuche teilhaben können.

Und das Andere, was mich interessiert, ist Urbanismus, Stadtar­chitektur. Und auch da ist, wie ich finde, Olsztyn sehr interessant, weil es halt nicht so diese klassische Geschichte hat. Es war halt nicht komplett 1945 zerstört, das heißt, die Kommunisten mussten hier auch nicht alles plattmachen und Beton drüber gießen. Vie­le Sachen konnten weiterbenutzt werden. Im Vergleich zu Orten wie Szczecin oder Warschau ist Olsztyn städtebaulich sehr inter­essant, auch was moderne Architektur angeht und was es grade in der Stadt passiert.

Und ich werde noch einen dritten Bereich machen: Ich habe eine Interviewreihe geplant mit Leuten, die für mich interessant sind. Ich habe zum Beispiel eine junge Germanistin kennen gelernt, die ist gerade in ihrem zweiten Jahr an der hiesigen Uni und die fährt aber im Sommer für zwei Monate nach Frankfurt am Main putzen. Solche Geschichten könnten auch Leser in Deutschland interessie­ren, so dass ich die Lebensrealität der Menschen hier in Olsztyn vor Ort dann auch porträtieren kann.

 

Der Stadtpräsident von Olsztyn sagte, Polen und Deutsche hät­ten viele gemeinsamen Momente, die wieder entdeckt und wieder erlebt werden könnten. Welche gemeinsamen Momente würden Sie in der Stadt wieder entdecken und wieder erleben?

Das ist eine schwierige Frage, weil ich sozusagen schon der Au­ßenseiter bin, der aus Irland kommt. Das heißt, ich habe eh schon eine Distanz zu Deutschland und dementsprechend habe ich auch eine Distanz zu Polen. Also vielleicht ist das das, was ich dann so für mich persönlich entdecken kann, dass ich die Distanz zu beiden Ländern habe. Die Gemeinsamkeiten liegen natürlich hier auf der Hand: Es gibt einmal ein ganz hervorragendes Bier in Olsztyn. Diese Braugeschichte also, die mich natürlich nicht nur als Konsu­ment, sondern tatsächlich auch als Geschichte, die Deutschen hier schon betrieben haben, die jetzt genau von den drei Handwerks­brauereien hier vor Ort weiter betrieben werden, interessiert. Darin sehe ich eher die Gemeinsamkeiten, und nicht in irgendeinem ge­schichtlichen Konstrukt; also in der Lebensrealität der Menschen vor Ort, die genau dieselben Sachen mögen und die sich für diesel­ben Dinge interessieren respektive hier die wunderbare Landschaft vor den Toren der Stadt, die ja Deutschen und Polen gleichfalls am Herzen liegt.

 

Das klingt alles so spannend, ich denke, wir werden am Ende Ih­res Aufenthaltes nochmals miteinander sprechen. Vielen Dank!

 

Das machen wir! Vielen Dank!

Marcel Krueger erzählt über
sein stadtschreiberisches Vorhaben

von Arkadiusz Łuba

26 July 2019
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Fot. A. Łuba

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