Wenn jemand sowohl Gemeindevorsteher als auch zugleich Baugewerkmeister war, ist es kein Wunder, dass er Wert darauf legte, dass die entstehenden Gebäude einfach schön aussahen. So handelte im Jahr 1892 der damals 47-jährige Hermann Ritschel: Er entwarf und errichtete für den Arzt Leopold Staub eine Villa an der heutigen Bednorza-Straße 16 in Schoppinitz, die bis heute eine architektonische Zierde dieses Kattowitzer Stadtteils ist. Woher Hermann Ritschel nach Rosdzin – denn damals war dies noch nicht Schoppinitz – gekommen war, ist unbekannt. Etwas mehr ließ sich über den Bauherrn dieses Gebäudes feststellen, dessen Name bis heute mit dieser Villa verbunden ist.
Leopold Staub wurde am 22. August 1855 in Neu Bierun geboren. Er war der Sohn des Kaufmanns Isaac Staub und dessen Ehefrau Rosalie, geborene Fraenkel, beide mosaischen Glaubens. Im März 1876 erscheint Leopold Staub, dessen Eltern weiterhin in Neu Bierun wohnten, unter den 19 Schülern des Königlichen Gymnasiums in Ratibor, die das Abitur bestanden hatten. Als Studienrichtung wurde für ihn Medizin angegeben. Am 3. Juli 1880 verteidigte Leopold Staub in der Aula Leopoldina der Universität Breslau öffentlich vor der Prüfungskommission, der Oscar Juliusburger, Ernst Malachowski und Julius Zucker angehörten, seine Dissertation „Über den Pemphigus“ und erlangte den Titel eines Doktors der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe. Die Approbation, also das Recht zur Ausübung des Arztberufs, erhielt er im Jahr 1881. Im Mai 1882 wurde der Arzt für Allgemeinmedizin Leopold Staub in Rosdzin zum Schulinspektor der neu eröffneten örtlichen privaten jüdischen Schule ernannt.
Am 15. April 1883 erschien in der Presse die Nachricht über die Verlobung des Dr. Leopold Staub aus Rosdzin–Schoppinitz mit Anna Frey, der ältesten Tochter des Myslowitzer Spediteurs Bernhard Frey und seiner Ehefrau Amalie, geborene Schindler. Die Hochzeit von Leopold Staub mit seiner am 18. Mai 1863 in Myslowitz geborenen Verlobten fand am 22. November 1883 an ihrem Wohnort statt. Die Trauzeugen waren: der 37-jährige Myslowitzer Arzt Dr. Heinrich Breit, gebürtig aus Berlin. Im Jahr 1890 wurde er in Myslowitz Armenarzt. Er war langjähriger Stadtverordneter. 1918 erhielt er den Titel eines Ehrenbürgers von Myslowitz. 1923 kehrte er nach Berlin zurück, wo er am 20. Juni 1924 bei einem Autounfall ums Leben kam. Seine Ehefrau Olga Breit, geborene Fraenkel, war Vorsitzende des Jüdischen Frauen- und Jungfrauenvereins in Myslowitz. Der zweite Trauzeuge war der 41-jährige Myslowitzer Kaufmann Simon Freund, geboren in Sohrau, Ehemann der 1846 in Sohrau geborenen Charlotte Staub. 1882 war er Gesellschafter der Myslowitzer Firma „Gebrüder Staub“ der Brüder Moritz und Marcus Staub. 1885 erscheint er als Vorsitzender des Myslowitzer Stadtrats, 1889 als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Simon Freund starb am 17. November 1918 in Berlin.
Leopold und Anna Frey wurden in Rosdzin Eltern von drei Söhnen. Am 24. September 1887 wurde Conrad geboren, der am 1. Juli 1890 in Berlin verstarb. Der dritte Sohn, Franz, wurde am 4. Juli 1893 bereits in der neu erbauten Villa in der damaligen Schulstraße geboren. Im Dezember 1914 wurde er an der Universität Breslau zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert. Zwischen 1915 und 1918 diente er im Rang eines Hauptmanns in der Militärstaatsanwaltschaft. Bis 1924 war er Richter in der Weimarer Republik, bevor er in Breslau eine private Anwaltskanzlei eröffnete und Dozent an der dortigen Universität wurde. Im Jahr 1925 unterbrach Franz Staub vorübergehend seine juristische Tätigkeit, um die Position des Präsidenten der Mailänder Firma Ing. A. Maurer SA zu übernehmen, die 1923 von dem Schweizer Alfred Maurer gegründet worden war. Dort spielte er eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung der Kunstseidenindustrie in Europa. 1928 kehrte er zur Ausübung des Anwaltsberufs in Deutschland und Frankreich zurück. Am 14. November 1930 heiratete er in Paris Margot Gabriele Hechinger, die Tochter eines Industriellen. Zwei Jahre später schloss er sich der internationalen Anwaltskanzlei des Amerikaners Frederick Wirth in Paris an und erwarb sich einen Ruf als Spezialist für die Ausarbeitung von Patenten, die Erteilung von Lizenzen und die Gründung von Joint-Venture-Unternehmen. 1936 kam Franz Staub in die Vereinigten Staaten, ließ sich in Scarsdale im Bundesstaat New York nieder und änderte seinen Vornamen in Francis. Er blieb weiterhin Berater einiger seiner früheren Mandanten und später auch großer amerikanischer Industriekonzerne. 1962 gründete er die Beratungsfirma Staub, Warmbold & Associates, die Büros in New York, Brüssel und Mexiko-Stadt unterhielt. Francis Staub starb am 4. September 1965 in New York. Sein am 2. April 1934 in Paris geborener Sohn Robert Andre Staub leitete über viele Jahre erfolgreich die Firma Staub, Warmbold & Associates, die im Bereich Managementberatung und Führungskräfterekrutierung tätig war, und diente zudem als stellvertretender Finanzminister in der Regierung von Präsident Jimmy Carter.
Der zweite Sohn des Rosdziner Doktors Staub, Herbert, wurde am 18. April 1891 geboren. Er studierte Medizin in München, kämpfte 1915–1916 an der Front, wurde zum Doktor der Medizin promoviert und war später Assistenzarzt für Orthopädie an der UniversitätsPoliklinik in München. Er hatte eine Ehefrau mit dem Vornamen Helene. Nach der Machtübernahme der die NSDAP emigrierte er zunächst nach Frankreich und 1941 nach Portugal. Herbert Staub kam im April 1944 zusammen mit seiner Mutter, der Witwe Anna Staub, an Bord eines Schiffes von Lissabon nach Philadelphia. Die Reise wurde von Francis Staub bezahlt. Herbert Staub starb am 11. Januar 1948 in New York.
Im Jahr 1885 leitete Leopold Staub als einziger Arzt das 18-Betten-Krankenhaus in Rosdzin, das seit 1879 auf Initiative der Gemeinden Rosdzin, Schoppinitz, Klein Dombrowka und Janow bestand. 1892 wurde ein neues Krankenhausgebäude an der heutigen Morawa-Straße 31 errichtet. Dr. Staub sollte 30 Jahre lang, also etwa bis 1915, Arzt dieses Gemeindekrankenhauses sein.
Im kulturellen Bereich wurde er 1889 Mitglied der Breslauer Organisation Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur sowie des Ungarischen Karpatenvereins.
Im Jahr 1892 erwarb Leopold Staub ein Baugrundstück von 1300 Quadratmetern, auf dem seine Villa errichtet wurde – mit biblischer und mythologischer Ornamentik, die auf seinen Glauben und seinen ausgeübten Beruf hinwies.
Auf Höhe des Erdgeschosses wurde ein Relief von Moses angebracht, der von der Tochter des Pharaos aus dem Wasser gerettet wird, sowie die Darstellung der Zehn Gebote. Auf der Ebene des ersten Stockwerks befindet sich hingegen die Figur der griechischen Göttin Hygieia, der Verkörperung der Reinheit, Tochter des Heilgottes Asklepios und seiner schmerzlindernden Gemahlin Epione.
Dr. Staub veröffentlichte in der Presse eine Anzeige, dass er seit dem 1. April 1893 in seinem Haus bei der neuen Apotheke wohne.
Leopold Staub begann, am gesellschaftlichen Leben Rosdzins teilzunehmen. Im Juni 1893 wurde er in die Kommission zur Errichtung einer städtischen Schule gewählt. Im Juli 1894 wurde er neben dem Besitzer der Schoppinitzer Fabrik „P. Strahl“, Dr. Georg Leschik, zum zweiten Vorsitzenden des Rosdzin-Schoppinitzer Bürgervereins gewählt.Im November 1898 wurde Dr. Staub Vorstandsmitglied des Vereins der Bahn- und Kassenärzte im Bezirk der Königlichen Eisenbahndirektion Kattowitz. Im November 1901 erscheint Leopold Staub als Mitglied des Gemeindevorstands von Rosdzin, ebenso im Jahr 1909, und im März 1903 wurde er zum Gemeinderat gewählt. Seit 1907 war er zudem ununterbrochen Gemeindeschöffe, zuletzt gewählt im Jahr 1917. Natürlich konnte sich Leopold Staub auch als Arzt nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Im September 1905 stürzte infolge eines Sturms eine Wand samt Gerüst beim Bau des Bernhardi-Hüttenwerks ein; neun Arbeiter wurden verschüttet. Eine Person kam ums Leben, den übrigen leisteten Dr. Staub und der Hüttenarzt Hilfe. Im November 1905, während des Streiks der Arbeiter des Hüttenwerks Wilhelmine, die versuchten, die Weichen der Schmalspurbahn herauszureißen, um die Kohlezufuhr zu unterbrechen, wurde ein Streikender erschossen und ein Gendarm mit einem Dolch verletzt. Auch hier war Dr. Staub im Einsatz – von Vergiftungen durch Kohlenmonoxid und anderen Unfällen ganz zu schweigen.
Im März 1906 wurde Dr. Staub zum Sanitätsrat ernannt, und im Oktober 1918, kurz vor der Abdankung des Kaisers, zum Geheimen Sanitätsrat. Leopold Staub veröffentlichte auch wissenschaftliche Arbeiten. 1905 erschien sein Artikel „Zur Diagnose und Verlauf des Flecktyphus“. Viel Anerkennung – und bis heute Erinnerung – brachte ihm die Veröffentlichung seines Beitrags „Ein kasuistischer Beitrag zur chronischen Bleivergiftung“ im Mai 1906 in der Berliner Zeitschrift Medizinische Klinik. Wochenschrift für praktische Ärzte. Dr. Staub beschrieb hier einen Fall von Bleivergiftung, der sich noch vor Inkrafttreten der vom Bundesrat am 16. Juni 1905 erlassenen Maßnahmen ereignet hatte, die darauf abzielten, die Zahl der Bleivergiftungen unter den Arbeitern auf ein Minimum zu reduzieren.Staub nannte namentlich den Arbeiter des Bleihüttenwerks in Burowiec. Es handelte sich um den 51-jährigen Josef Troiok, 164 cm groß, der vor seinem Eintritt in den Ruhestand vor drei Jahren 27 Jahre lang dort gearbeitet hatte. Er hatte im Alter von 25 Jahren geheiratet; seine Ehefrau und die Kinder im Alter von 23, 16 und 12 Jahren zeigten keine Symptome einer Bleivergiftung.Als sich die Symptome der Bleivergiftung verstärkten, wurde Troiok jeweils auf andere Arbeitsplätze versetzt. Vor sieben Jahren jedoch begannen Epilepsie ähnliche Krämpfe sowie Verhaltensstörungen aufzutreten. Hinzu kam ein Verlust des Sehvermögens, der ihm das selbstständige Verlassen des Hauses unmöglich machte. Schließlich wurde er als Patient für acht Wochen in das von Staub geleitete Krankenhaus aufgenommen. Staub betonte, dass bei Troiok das Zahnfleisch ohne jeglichen Bleisaum war. Im Januar 1906 wurde Troiok in die psychiatrische Anstalt in Lublinitz überführt.
Im September 1910 nahm Leopold Staub gemeinsam mit anderen weltlichen und geistlichen Honoratioren an der feierlichen Einführung der Borromäerinnen aus Trebnitz nach Schoppinitz teil, denen die Betreuung der Kranken in der Seuchenbaracke des Krankenhauses übertragen wurde.
Im August 1914 wurde Leopold Staub in die Kommission zur Auswahl der Ärzte des Versicherungsamtes des Kreises Kattowitz gewählt. Ein weiteres gewähltes Mitglied war der Bogutschützer Arzt Dr. Bruno Sogalla, der 1898 die Prüfung zum Amtsarzt abgelegt hatte und dabei eine für seine Patienten bedeutsame Arbeit vorlegte: „Bleierkrankungen der Zinkhüttenarbeiter und die Maßnahmen zu ihrer Verhütung“.
Im April 1917 führte Leopold Staub Impfungen der Bevölkerung aus Rosdzin, Schoppinitz und Janow im Schoppinitzer Hotel Klipper durch.
In den Unterlagen zur Durchführung der Genfer Konvention für Oberschlesien findet sich ein Eintrag über den Eisenbahnarzt Leopold Staub aus dem Jahr 1923, der mit einem Vergleich abgeschlossen wurde. Als Eisenbahnarzt war er noch im Jahr 1924 tätig. Die letzte gesicherte Information über Leopold Staub stammt aus dem Adressbuch der Woiwodschaft Schlesien 1926/1927, in dem sich seine Anzeige mit der Adresse Schoppinitz, Schulstraße 23 befindet.
Nach dieser Zeit verließ Leopold Staub irgendwann Oberschlesien und zog vermutlich nach Deutschland. Er dürfte zwischen 1934 und 1936 in Deutschland oder Frankreich verstorben sein.
Dr.Stefan Pioskowik
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